Im Schatten des Szientismus. Zum Umgang mit heterodoxen Wissensbeständen, Erfahrungen und Praktiken in der DDR

gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Laufzeit: 1.9.2013 – 31.8.2016

Es ist relativ wohlbekannt, dass alle im weitesten Sinne esoterischen, paranormalen, okkulten und alternativ-religiösen Themen für die DDR-Führung als ‚finsterer Aberglaube‘ galten und im öffentlichen bzw. offiziellen Diskurs systematisch diskreditiert wurden. Doch wie sah eigentlich in Bezug auf die genannten Themen die Alltagswirklichkeit in der DDR jenseits des offiziellen Diskurses aus? Konkret gefragt: Welche Rolle spielten Themen wie Gedankenübertragung, Wahrträume, Ahnungen, Spuk-, Geister- und Jenseitserscheinungen, Parapsychologie, Astrologie und Wahrsagepraktiken, Wunderheilungen oder UFOs im Alltagsleben der DDR-Bürger? War entsprechenden Vorstellungen und Praktiken in der DDR tatsächlich der Nährboden entzogen, wie es der offizielle Diskurs verlauten ließ, oder gab es – gleichsam im Schatten dieser amtlichen Feststellungen – einen ‚okkulten Untergrund‘?

Diese Überlegungen bilden den Ausgangspunkt unseres Forschungsprojektes. Soziologisch gesprochen geht es um das Verhältnis zwischen orthodoxen und heterodoxen Wissensbeständen und Praxisformen in der DDR, namentlich um den Konflikt zwischen dem dominanten szientistischen Weltbild auf der einen und davon abweichenden Anschauungen und Lebenspraxen der Bevölkerung auf der anderen Seite.

Methodische Zugänge bilden zum einen Interviews sowohl mit Akteuren aus dem Bereich des Paranormalen als auch mit damaligen Vertretern der DDR-Administration. Zum anderen werden die themenspezifische Literatur der DDR, aber auch massenmediale Bezugnahmen und behördliche Dokumente (wie z.B. Akten der Staatssicherheit) untersucht.

Konkrete Forschungsfragen sind beispielsweise:

  • Wie verbreitet waren individuelle Erfahrungen und soziale Praktiken im hier interessierenden Untersuchungsfeld des Paranormalen?
  • Wie und wo wurden die DDR-Bürger über solche Themen informiert bzw. wo konnten sie selbst entsprechende Informationen einholen?
  • Unter welchen Bedingungen und in welcher Form waren diese Erfahrungen und die entsprechenden Themen Gegenstand öffentlicher Berichterstattung? Aber auch: Welchen Einfluss hatten die (West-)Medien?
  • Waren Eliten und Staatsorgane involviert? Gab es wissenschaftliche Experten, Forschungseinrichtungen und/oder -projekte, die sich mit den genannten Themen befassten?
  • Wurde der gemeinte Themen- und Akteursbereich als problematisch von staatlichen Instanzen zur Kenntnis genommen?
  • Welche staatlichen Instanzen waren für die Überwachung entsprechender Aktivitäten und für die Sanktionierung entsprechender Praktiken bzw. Akteure zuständig?

Personen, die sich zu DDR-Zeiten mit den genannten Themen beschäftigten und dazu bereit sind, über ihre Erfahrungen Auskunft zu geben, sind hiermit explizit eingeladen, über die Kontaktseite Verbindung zum Projektteam aufzunehmen.